Löhne und Miete laufen weiter, auch wenn Aufträge ausbleiben. Wenn Sie Ihre finanzielle Reichweite berechnen, erkennen Sie, wie viele Monate Ihr verfügbares Geld die Auszahlungen deckt.
Doch der Kontostand allein täuscht leicht: Eine anstehende MWST-Zahlung oder Kreditrückzahlung kann Ihren Spielraum deutlich verkürzen. Hier erhalten Sie die Formel, ein Schweizer Rechenbeispiel und eine Vorlage für Ihren Wochenplan. Dabei unterscheiden wir zwischen fehlendem Umsatz und ausbleibenden Einzahlungen.
Kurz gesagt: Die finanzielle Reichweite zeigt, wie lange Ihr KMU ohne weitere Einzahlungen zahlungsfähig bleibt. Als einfache Orientierung teilen Sie frei verfügbare liquide Mittel durch monatliche Auszahlungen. Berücksichtigen Sie Sonderzahlungen und eine Sicherheitsreserve separat. Ob das Geld an jedem Fälligkeitstag reicht, prüfen Sie zusätzlich mit einem Zahlungsplan.
Was bedeutet finanzielle Reichweite für Ihr KMU?
Die finanzielle Reichweite ist die rechnerische Zeitspanne, in der Ihre verfügbaren Geldmittel die Auszahlungen decken. Sie misst Ihren finanziellen Handlungsspielraum in Monaten, nicht Ihren Gewinn.
Kein Umsatz bedeutet allerdings nicht automatisch keine Einzahlungen. Kund:innen können alte Rechnungen bezahlen, obwohl Sie keine neuen Leistungen verkaufen. Umgekehrt kann Ihr KMU Umsatz verbuchen, bevor das Geld auf dem Konto eingeht.
Für die Frage «Wie lange hält unser KMU ohne Umsatz durch?» verwenden wir deshalb einen strengeren Stresstest ohne weitere Einzahlungen. Erwartete Eingänge aus offenen Rechnungen gehören in ein separates Planungsszenario.
Die Reichweite ergänzt andere Kennzahlen für Schweizer KMU. Auch ein rentables Unternehmen kann zahlungsunfähig werden, wenn Kundenzahlungen zu spät eintreffen.
Wie können Sie Ihre finanzielle Reichweite berechnen?
Teilen Sie die frei verfügbaren liquiden Mittel durch die monatlichen Auszahlungen, die ohne weitere Einzahlungen bestehen bleiben. Die Formel eignet sich als erste Orientierung bei annähernd gleichbleibenden Zahlungen.
Finanzielle Reichweite in Monaten = frei verfügbare liquide Mittel ÷ monatliche Auszahlungen
Ein einfaches Rechenmodell: 100'000 CHF verfügbare Mittel geteilt durch 25'000 CHF monatliche Auszahlungen ergeben 4 Monate. Beide Beträge sind Beispielannahmen. Reserve und zusätzliche Einmalzahlungen fehlen in dieser Grundrechnung noch.
Gehen Sie für Ihre eigene Berechnung so vor:
- Stichtag und verfügbare Mittel festhalten. Liquide Mittel sind unmittelbar verfügbare Zahlungsmittel, insbesondere Bankguthaben und Bargeld. Ziehen Sie gesperrte oder anderweitig gebundene Beträge ab. Offene Kundenrechnungen, Lagerbestände und Maschinen zählen nicht als verfügbares Geld.
- Weiterlaufende Auszahlungen erfassen. Berücksichtigen Sie Löhne samt Arbeitgeberbeiträgen, Miete, laufende Verträge sowie Zinsen und Tilgungen. Ergänzen Sie verbindlich bestellte Leistungen. Kosten fallen nicht automatisch weg, sobald neue Aufträge ausbleiben.
- Sonderzahlungen zuordnen. Erfassen Sie etwa MWST, Jahresprämien oder grössere Rückzahlungen mit Betrag und Fälligkeit. Prüfen Sie, ob diese bereits in Ihren laufenden Auszahlungen enthalten sind.
- Sicherheitsreserve festlegen. Bestimmen Sie einen Mindestbestand, den Sie nicht unterschreiten möchten. Eine Berechnung nach Abzug dieser Reserve zeigt Ihre Reichweite bis zum Mindestbestand, nicht bis zum Kontostand null.
Achtung: Aufwand ist nicht dasselbe wie Auszahlung. Abschreibungen senken den Gewinn, lösen aber keine Zahlung aus. Kredittilgungen belasten dagegen Ihr Konto, obwohl sie keinen Aufwand darstellen. Übernehmen Sie deshalb nicht einfach die Kosten aus Ihrer Erfolgsrechnung.
Rechenbeispiel: Wie lange reichen 180'000 CHF?
Bei monatlichen Auszahlungen von 40'000 CHF reichen 180'000 CHF rechnerisch für 4,5 Monate. Eine Sicherheitsreserve und zusätzliche Verpflichtungen verkürzen den nutzbaren Spielraum.
Das folgende Modell beschreibt ein fiktives Schweizer Dienstleistungsunternehmen. Alle Beträge sind frei gewählte Beispielannahmen, keine Kundendaten oder Branchenwerte.
| Laufende Position | Monatliche Auszahlung |
|---|---|
| Löhne inklusive Arbeitgeberbeiträgen | 26'000 CHF |
| Miete und Nebenkosten | 5'000 CHF |
| Software und Telekommunikation | 2'000 CHF |
| Versicherungen und Gebühren | 2'000 CHF |
| Kreditzinsen und Tilgungen | 3'000 CHF |
| Weitere laufende Auszahlungen | 2'000 CHF |
| Total | 40'000 CHF |
Die Geschäftsführerin legt eine Reserve von 20'000 CHF fest. Ausserdem stehen im nächsten Monat 30'000 CHF für eine bereits bestellte Leistung an. Diese Zahlung steckt noch nicht in den laufenden Auszahlungen.
| Berechnung | Formel | Rechnerische Reichweite |
|---|---|---|
| Ohne Reserve und Sonderzahlung | 180'000 CHF ÷ 40'000 CHF | 4,5 Monate |
| Bis zur Reserve | (180'000 CHF − 20'000 CHF) ÷ 40'000 CHF | 4 Monate |
| Bis zur Reserve, nach Abzug der Sonderzahlung | (180'000 CHF − 20'000 CHF − 30'000 CHF) ÷ 40'000 CHF | 3,25 Monate |
Die letzte Rechnung reserviert das Geld für die Sonderzahlung bereits am Stichtag. Oberhalb der Sicherheitsreserve bleiben damit 130'000 CHF für laufende Auszahlungen.
Praxistipp: Ordnen Sie jede Verpflichtung genau einmal zu. Ziehen Sie eine Sonderzahlung vorab vom verfügbaren Geld ab, darf sie nicht zusätzlich im monatlichen Durchschnitt enthalten sein. Im Zahlungsplan steht sie dagegen zum tatsächlichen Fälligkeitstermin, ausgehend vom ungekürzten verfügbaren Anfangsbestand.
Die 3,25 Monate sind eine vereinfachte Planungsgrösse, kein verlässliches Enddatum. Wann das Unternehmen seine Reserve erreicht, hängt von den tatsächlichen Zahlungsterminen ab.
Warum brauchen Sie zusätzlich einen Liquiditätsplan?
Ein Liquiditätsplan stellt erwartete Einzahlungen und fällige Auszahlungen zeitlich gegenüber. Er zeigt, ob Ihr KMU seine Verpflichtungen zum jeweiligen Termin bezahlen kann. Die Reichweitenformel allein beantwortet diese Frage nicht.
Wir empfehlen deshalb einen wöchentlichen Zahlungsplan zusätzlich zur Monatskennzahl. Treffen Löhne und eine grosse Lieferantenrechnung in derselben Woche zusammen, kann das Geld früher knapp werden. Bei unmittelbar drohenden Engpässen zählt jeder einzelne Zahlungstag.
Planen Sie beispielsweise die nächsten 13 Wochen. Dieser Zeitraum ist ein gewählter Planungshorizont, keine allgemeine Pflicht. Die folgende Struktur können Sie direkt in eine Tabelle übernehmen:
| Bestandteil je Woche | Was Sie eintragen |
|---|---|
| Anfangsbestand | Frei verfügbares Geld zu Wochenbeginn |
| Einzahlungen | Erwartete Zahlungseingänge zum realistischen Termin |
| Auszahlungen | Sämtliche in dieser Woche fälligen Zahlungen |
| Endbestand | Anfangsbestand + Einzahlungen − Auszahlungen |
| Abstand zur Reserve | Endbestand abzüglich Ihrer Sicherheitsreserve |
Führen Sie 2 getrennte Szenarien:
- Geschäftsplanung: Sie berücksichtigen erwartete Einzahlungen mit realistischen Zahlungsterminen.
- Stresstest: Sie setzen weitere Einzahlungen auf null. Auf der Auszahlungsseite bleiben alle dann noch fälligen Verpflichtungen stehen.
Der Endbestand einer Woche wird zum Anfangsbestand der nächsten. Tragen Sie auch MWST, Sozialversicherungen und Jahresprämien ein. Informationen zur Mehrwertsteuer bietet die Eidgenössische Steuerverwaltung ESTV; für Ihre Planung zählen Ihre konkreten Beträge und Fristen.
Wie viel finanzielle Reichweite braucht Ihr KMU?
Ihr KMU braucht genügend Reichweite, damit Gegenmassnahmen wirken können, bevor fällige Zahlungen gefährdet sind. Eine pauschale Monatszahl berücksichtigt weder Ihre Zahlungszyklen noch Ihre vertraglichen Bindungen.
Prüfen Sie deshalb:
- Wie lange dauert es vom ersten Kundenkontakt bis zur bezahlten Rechnung?
- Wie stark hängen Ihre Einzahlungen von einzelnen Kund:innen ab?
- Wann können Sie grössere Verträge frühestens kündigen oder anpassen?
- Welche saisonalen Tiefs und jährlichen Zahlungen stehen bevor?
- Welche Finanzierungsmöglichkeiten stehen verbindlich zur Verfügung?
Die Reserve soll Reaktionszeit schaffen. Bringen neue Aufträge erst nach mehreren Monaten Geld, löst eine Verkaufsaktion den heutigen Engpass nicht. Ebenso wenig hilft eine Kündigung sofort, wenn der Vertrag weiterläuft.
Betrachten Sie deshalb auch Ihren Zielumsatz und Ihre Rentabilität. Mehr Umsatz verbessert den finanziellen Spielraum nur, wenn daraus rechtzeitig ausreichende Zahlungseingänge entstehen.
Das KMU-Portal des Bundes bietet ergänzende Informationen zur Unternehmensfinanzierung. Beziehen Sie bei absehbaren Zahlungsschwierigkeiten frühzeitig Ihre Treuhänder:in ein. Warten Sie damit nicht, bis das Konto leer ist.
Wie verbessern Sie Ihre finanzielle Reichweite?
Sie verlängern Ihren finanziellen Spielraum durch frühere Einzahlungen oder niedrigere beziehungsweise später fällige Auszahlungen. Entscheidend ist, wann eine Massnahme Ihren Kontostand tatsächlich verändert.
| Massnahme | Worauf Sie achten sollten |
|---|---|
| Rechnungen zeitnah stellen | Fakturieren Sie nach erbrachter Leistung ohne unnötige Verzögerung. |
| Überfällige Forderungen verfolgen | Klären Sie Zahlungsprobleme und vereinbaren Sie konkrete Termine. |
| Anzahlungen oder Teilrechnungen vereinbaren | Legen Sie passende Bedingungen vor Projektbeginn fest. |
| Verschiebbare Investitionen prüfen | Berücksichtigen Sie bestehende Bestellungen und mögliche Stornokosten. |
| Laufende Verträge überprüfen | Erfassen Sie Einsparungen erst ab dem wirksamen Änderungstermin. |
| Zahlungsfristen besprechen | Vereinbaren Sie Änderungen mit Lieferanten, statt Rechnungen kommentarlos liegen zu lassen. |
Frühere Kundenzahlungen verbessern Ihre tatsächliche Liquidität. Im strengen Stresstest ohne Einzahlungen verlängern sie die Reichweite jedoch erst, wenn das Geld eingetroffen ist. Bis dahin gehören sie ausschliesslich in die Geschäftsplanung.
Wir empfehlen, Einsparungen nach ihrer Zahlungswirkung zu beurteilen, nicht nur nach ihrer Höhe. Kürzungen, die Ihre Lieferfähigkeit gefährden, können spätere Zahlungseingänge verhindern. Das verschärft den Engpass möglicherweise, statt ihn zu lösen.
Eine Bexio-Auswertung für Ihr KMU hilft Ihnen, erfasste Finanzdaten einzuordnen. Halten Sie Buchungen und Bankabgleiche aktuell. Ergänzen Sie für die Planung alle Verpflichtungen, die noch nicht in Bexio stehen.
Häufige Fehler
Die Reichweite wirkt zu gross, wenn Sie verfügbare Mittel überschätzen oder Auszahlungen unterschätzen. Kontrollieren Sie vor jeder Aktualisierung diese Punkte:
- Umsatz als Geld zählen: Eine ausgestellte Rechnung bezahlt noch keine Löhne. Planen Sie den erwarteten Zahlungseingang separat.
- Den gesamten Kontostand übernehmen: Gesperrte oder gebundene Beträge stehen nicht für beliebige Zahlungen zur Verfügung.
- Aufwand und Auszahlung verwechseln: Entfernen Sie Abschreibungen aus der Zahlungsrechnung und ergänzen Sie Kredittilgungen.
- Sonderzahlungen vergessen oder doppelt zählen: Ordnen Sie jede Verpflichtung eindeutig zu. Kontrollieren Sie besonders MWST und Jahresrechnungen.
- Einsparungen zu früh ansetzen: Auch ein gekündigter Vertrag kann bis zum Vertragsende weitere Zahlungen auslösen.
- Reichweite als Garantie verstehen: Ein ausreichender Monatsdurchschnitt schliesst einen Engpass an einem bestimmten Fälligkeitstag nicht aus.
Häufige Fragen
Ist finanzielle Reichweite dasselbe wie Gewinn?
Nein. Gewinn ergibt sich aus Erträgen und Aufwänden. Die finanzielle Reichweite zeigt dagegen, wie lange verfügbare Geldmittel Ihre Auszahlungen decken. Ein profitables Unternehmen kann deshalb trotzdem Liquiditätsprobleme haben.
Darf ich offene Kundenrechnungen mitzählen?
Nicht als bereits verfügbare liquide Mittel. Erfassen Sie erwartete Zahlungseingänge mit realistischen Terminen in Ihrer Geschäftsplanung. Im strengen Stresstest ohne weitere Einzahlungen bleiben sie ausgeschlossen.
Wie oft sollten Sie die finanzielle Reichweite berechnen?
Bei stabiler Lage empfehlen wir eine monatliche Prüfung. Bei knapper Liquidität sollten Sie Reichweite und Fälligkeiten mindestens wöchentlich aktualisieren. Sind unmittelbar Zahlungen gefährdet, kann ein täglicher Abgleich nötig sein.
Was gilt bei stark schwankenden Auszahlungen?
Dann liefert die Durchschnittsformel nur eine grobe Orientierung. Planen Sie grössere Auszahlungen zum tatsächlichen Termin ein. Entscheidend ist, wann der geplante Kontostand Ihre Reserve unterschreitet oder eine fällige Zahlung nicht mehr deckt.
Zählt eine Kreditlinie zur finanziellen Reichweite?
Eine ungenutzte Kreditlinie ist kein vorhandenes Bankguthaben. Zeigen Sie deshalb die Reichweite ohne Kredit und ein zusätzliches Finanzierungsszenario getrennt. Berücksichtigen Sie dabei die tatsächliche Verfügbarkeit, Zinsen und Rückzahlungspflichten.
Ihr nächster Schritt: Reichweite mit eigenen Daten prüfen
Halten Sie Ihren verfügbaren Geldbestand zu einem festen Stichtag fest. Stellen Sie ihm die weiterlaufenden Auszahlungen gegenüber und ergänzen Sie Reserve sowie Sonderzahlungen. Prüfen Sie anschliessend im Wochenplan, wann Ihr finanzieller Spielraum erstmals knapp wird.
KompassKarma, ein Tool von onlineKarma AG aus Basel, unterstützt Schweizer KMU bei der Auswertung ihrer Bexio-Daten. Die ergänzende Zahlungsplanung braucht weiterhin Ihre aktuellen Fälligkeiten und Verpflichtungen.
KompassKarma 14 Tage kostenlos testen und Ihre Bexio-Daten auswerten.
